Selten liegt die Schönheit der Mathematik so sehr auf der Hand, wie bei der Darstellung von Fraktalen. Tom Beddard, einst Physiker, doch seit langem Entwickler für UGC-Seiten und Content-Management bei 55degrees und tictoc, hat ebenfalls eine Schwäche für fraktale Geometrie. Und da er nicht nur grafisch arbeiten, sondern auch noch programmieren kann, präsentiert er auf seiner Webside subblue Homebrew-Programme für die Erforschung und Produktion von Fraktalen. Mit dem “3D Mandelbulb Ray Tracer” lassen sich sogar dreidimensionale Mandelbulb-Fraktale berechnen und rendern, wie das folgende Video “The Formula” eindrucksvoll zeigt. Auch in seinen Beiträgen zu generativen Grafiken und der Kamerafahrt durch ein Juliabulb-Fraktal kann man sich verlieren.
Die Serienfotografie von Eadweard Muybridge (1830-1904) gilt als Meilenstein auf dem Weg zum Medium Film. Durch diese Technik konnte der britische Fotograf im Jahre 1872 den genauen Bewegungsablauf eines gallopierenden Pferdes ermitteln. Der Beweis, dass sich bei Pferden zeitweise alle vier Hufe in der Luft befinden, stellte damals eine wissenschaftliche Sensation dar. Mit 12 (später 36) hintereinander geschalteten Kameras konnte Muybridge eine Serie von Fotografien erstellen und diese in seinem eigens geschaffenen Vorführgerät, dem Zoopraxiskop, zum Leben erwecken: Der wissenschaftliche Blick war seitdem in der Lage auch zeitliche Abläufe zu kartografieren.
Fast 130 Jahre später kann die Zeit mittlerweile in bis zu 200 Millionen frames pro Sekunde zerlegt werden. Der computergestützten High-Speed-Fotografie entgeht somit kaum ein realer Bewegungsablauf. Und wenn dem so ist: was interessieren dann noch reale Bewegungsabläufe, wenn der Computer genauso eingesetzt werden kann um unmöglich-mögliche Kinetiken zu produzieren? Das folgende (leider anonyme?) GIF unterläuft die immerschon klaren, weil längst erblickten Bewegungen, und es befreit Muybridges galoppierenden Gaul von seiner wissenschaftlichen Fixierung.
–Anmerkung–
Alternativ-Titel des posts: “Most pathetic fun-pic introduction ever!!1″
Schon lange hat mich kein Blog mehr so häufig auf “Older Posts” klicken lassen wie “LSDEX” von Vika McLaren. Hier wird ohne Gerede, aber zum Glück meist mit Links versehen, optisch Umwerfendes aneinandergereit. Interessant dabei ist, dass sich Vika nicht zu fein ist, DevianArt- und Flickr-Werke zusammen mit namhaften KünstlerInnen und Design-Studien in einen Topf zu werfen. Ein gewisser Teil der Inhalte scheint der Stimulation oder Imitation von LSD-Trips dienlich, wobei es aber nicht in Richtung brechreizerregender Headshop-Ästhetik abrutscht (außer einige der animated gifs vielleicht). Auch das interaktive Digital-Kaleidoskop von Skymonk dürfte einen solchen Zweck erfüllen. Davon abgesehen gibt es vielseitige, intensive Eindrücke aus allen Ecken des kreativen Webs. Damit ich das Blog hier nicht spiegeln muss, eine kleine Auswahl hübscher Anknüpfpunkte für euch:
Subversion der Netzökonomie und popkultureller Befreiungsschlag…
Dass Musik heute nur noch durch Internet groß wird, ist ein aktueller Allgemeinplatz. Höchst selten wird hingegen die Materialität und Spezifität des Mediums in den Corporate Design-Frontalangriffen reflektiert. Anders verhält es sich bei der Londoner Tamilen-Sängerin M.I.A. und ihrem Label N.E.E.T. Recordings. Die Veröffentlichung der neuen Single “Born Free” wird von den üblichen Kanälen begleitet, doch diese sind außergewöhnlich ausgekleidet: Das Myspace-Profil zeigt sich als bunt-verjiffte Netzsackgasse, ebenso geriert sich das Label-Blog sperrig-flimmernd und im Twitter-Channel wird die dynamische Zeitleiste in den statischen Hintergrund verbannt. Überragend ist die Gestaltung der trashigen Pressefoto-Gifs als scheinbar dreidimensionale Kippbilder. Das gesamte Corporate-Design, wenn der Name überhaupt verwendet werden darf, verweigert sich der üblichen, glatt-funktionalen Web 2.0-Optik/Ökonomie.
Das Video führt diese Linie fort. “Born Free”, in dem die einst grimeyge Electro-Hopperin ihre Version von Digital Hardcore verarbeitet, wurde von Regisseur Romain Gavras umgesetzt, der bereits mit den Videos “Stress” für Justice, “Signatune” für DJ Mehdi und Simian Mobile Disco’s “I Believe” Aufsehen erregte. Mit wackliger Handkamera, schnellen Schnitten und stumpfen Farben werden eine Razzia verfolgt, dann der Gefangenentransport begleitet und letztlich ungebändigte Polizeigewalt gegen eine willkürlich-typisierte Minderheit in Szene gesetzt. Das passiert so unvermittelt und explizit, dass YouTube sich gezwungen sah, das Video tatsächlich zu zensieren. “Born Free” ist also gerade deswegen groß geworden, weil es selbst sich aus den Strukturen der Medienplattform herausgeworfen hat – und nicht, wie die Musicvideo-Meme der letzten Jahre, durch die meisten clicks. Dass nun YouTube Kunst zensiert, während Google in China für Meinungsfreiheit eintritt, ist, wie Andrian Kreye in seinem spannenden Artikel in der SZ richtig bemerkt, höchst zweischneidig:
Wenn YouTube also ein politisches Video sperrt, das gleichzeitig einen ästhetischen Aufbruch markiert, dann ist das nicht nur ein PR-Coup. Es ist die Botschaft, dass die Freiheit im Netz vorbei ist.
Von dieser performativen Kritik des Videos hin zur inhaltlichen. Angeprangert werden Staatsgewalt, Unterdrückung und Diskriminierung. Die Gruppe rothaariger Jungen steht für jede Minderheit der Welt, die aufgrund kontingenter Merkmale diskriminiert wird. Die Schonungslosigkeit des Films geht mit der Klarheit der Ansage wie des Sachverhalts einher und bedarf keiner Doppelbödigkeit. Und doch zeigt sich (unfreiwillig) eine weitere Verbindungslinie zu YouTube.
Erst zwei Wochen ist es her, dass user CopperCab sein letztes Video gegen die Macher von South Park ins Netz stellte, die in ihrer 200. Episode erneut (aber bei weitem nicht nur) “gingers” (engl. Pejorativ für “Rothaarige”) aufs Korn nahmen. Sein erstes Video “GINGERS DO HAVE SOULS!!” hat mit 6 Millionen clicks bereits Mem-Status, das aktuelle überschritt gerade die 750.000-Marke. Keine Frage, dass South Park eine eigene Form des Zynismus übt und dass CopperCab ein irrationales Verhältnis zu dieser und zu seiner Haarfarbe hegt. Keine Frage auch, dass Gavras eine ganz andere Konkretheit und Drastizität von gewalttätiger Diskriminierung verarbeitet. Doch offenbart sich in den Kommentaren zu CopperCabs (und unzähligen anderen) Videos, die Wurzel einer Einstellung, die in letzter Konsequenz die Bereitschaft zu eben solchen Gewalttaten in sich trägt – dem Hass auf das Andere wird unter Decknamen freien Lauf gelassen. Gerade weil dies tagtäglich auf YouTube passiert, ist die Zensur von “Born Free” noch einmal fataler.
(Andrian Kreye thematisiert weiterhin noch die Bedeutung des Videos für Pop als Abgesang der Ironie knüpft dies an die ästhetische Dimension des Films. Zu seinem Artikel führte mich ein Eintrag auf rebel:art)
Das Internet-Phänomen Chatroulette muss nicht mehr beschrieben werden. (Falls doch: z.B. wikipedia. taz.) Es ist einfach da. Ist es ein Mahnmal der Beliebigkeit? Ein schräger Soundcheck der Flusserschen Kammermusik? Der langersehnte Dorfplatz im Global Village? Die letzte Bastion von Penisstolz? Auf jeden Fall ist es eine Struktur, der man kreativ und spielend begegnen kann – oder muss, um nicht selbst einrandomiert zu werden. So entstand die Chatroulette-Improv. Hier vier eindrucksvolle Beispiele: